„Der Tag ist stets bei uns“

Zehn Jahre nach dem 11. September: Zwei US-Spitzenpolitiker, erst unmittelbare Zeugen, dann Verantwortliche für die anschließende Anti-Terror Politik, geben in Berlin Auskunft. 

Michael Chertoff (links) Dennis Hastert (rechts)

Sie waren damals beide dabei.

Dennis Hastert, Sprecher des Repräsentantenhauses und damit dritter Mann im Staat nach dem Vize-Präsidenten, bereitete am 11. September 2001 eine besondere Sitzung des Parlaments vor, bei welcher der Premierminister von Australien, John Howard, vor beiden Kammern sprechen sollte.

Michael Chertoff, Staatssekretär im US-Justizministerium, gehörte zum Zentrum der Entscheider, als die Reaktion der Supermacht auf den Terrorangriff beraten wurde, 2005 wurde er als Minister für innere Sicherheit („Homeland Security“) unmittelbar damit befasst, dieses Amt behielt er bis zum Ende der Regierungszeit von George W. Bush Anfang 2009.

 Beide Männer schildern ihr Erleben jenes Tages, so wie fast jeder Zeitzeuge seine detaillierten Erinnerungen hat, wenn auch nicht so unmittelbar nah am Geschehen in Washington. Auch wenn beiden Entscheidungsträgern mit dem Einschlag des zweiten Flugzeugs im New Yorker World Trade Center klar war, dass ihr Land in nie da gewesener Weise angegriffen wird, räumen beide freimütig ein, dass ihnen die Dimension des Geschehens, das Ausmaß der Folgen nicht sofort vor Augen war.

Hastert bewies Instinkt, als er die Evakuierung des Capitols anordnete, bevor die „Sicherheitslage“ dies ohnehin erfordert hätte. Durch den nahen Auftritt des australischen Gastes waren bis auf den Präsidenten und seinen Vize fast alle Mitglieder, sowohl der Senates wie des Repräsentantenhauses vor Ort, zusätzlich auch noch alle Richter des US Supreme Courts. Es ist leicht vorstellbar, welche Verheerung ein Anschlag damit hätte anrichten können, auch wenn davon ausgegangen wird, dass dies Zufall war und die Attentäter den Termin nicht in diesem Zusammenhang gewählt hatten.

Chertoff reflektiert vor allem zwei Punkte: zum einen die Verwundbarkeit der USA, wie sie vor dem 11. September undenkbar war. Zum anderen aber vor allem die Notwendigkeit einer aktiven Sicherheitspolitik, die über die Landesgrenzen hinausgehen muss: „Es gibt keine Option des Enthaltens. Die Welt findet uns, auch und gerade dann, wenn wir uns von ihr abwenden.“

Damit ist die Problematik des „War on Terror“ klar umrissen: Der Konflikt zwischen Sicherheit und Bürgerrechten, die Fragwürdigkeit der Kriege in Afghanistan und vor allem auch dem Irak. Es wäre unrealistisch, von den beiden republikanischen Politikern hier kritische Distanz zu erwarten. Chertoff gibt ganz den pragmatischen Kämpfer, der angesprochen auf das immense Budget des Departments of Homeland Security seinen Kopf reckt und die Gegenfrage stellt, wie denn wohl die Reaktionen gewesen wären, hätte es einen weiteren Großanschlag gegeben. Hastert neigt etwas mehr zum nachdenklichen „elder Statesman“, der darüber philosophiert, dass eine offene Gesellschaft eben auch gefährdeter sei als eine, die ihre Sicherheitsmauern besonders hochzieht.

Chertoff weist darauf hin, dass die Politik der USA zum Thema Terror sich unter Präsident Obama gegenüber dem so stark kritisierten Vorgänger Bush nur unwesentlich verändert hat, sie werde lediglich anders kommuniziert. Den arabischen Frühling hält er für einen guten Test, ob die Verbreitung von Demokratie in dieser Region tatsächlich weniger Terror bedeuten wird. Michael Chertoff hat das Thema längst zu seinem kommerziellen Geschäft gemacht, als Chef der seinen Namen tragenden Unternehmensgruppe propagiert er unter anderem den Einsatz von Nacktscannern zur Sicherheit an Flughäfen.

Hastert beeindruckt auf der Podiumsdiskussion in der Berliner Bertelsmann Stiftung durch ein sehr unverstelltes Auftreten. Der Mann ist sehr wohl Intellektueller, aber er war auch Ringer und später Trainer in diesem Sport, seine Rede wirkt oft weniger verklausuliert, ganz wie von dem sprichwörtlichen „Mann von der Straße“. Ihm ist klar, so Hastert, dass es die zukünftigen Entscheidungen der jungen Menschen sind, die heute ihre Prägung erfahren, von denen der Erfolg der Terrorbekämpfung abhängen wird. Er wirkt dabei nicht so, als hinge er einer reinen „hau drauf“ Politik an.

Der Mentalitätsunterschied zwischen Europa und den USA tritt während der Veranstaltung klar zu Tage. Die Frage nach den Kosten zu Lasten der Freiheit scheint dann doch eher in Europa gestellt zu werden. Aber geht es etwa um Meinungsäußerung im Web, kann sich das Bild auch umdrehen, denn das „first amendment“, der erste Verfassungszusatz, führt in den USA zu einer oft höheren Unantastbarkeit als es in manchen europäischen Ländern der Fall ist. Beide Politiker stimmen darin überein, dass ein erneuter Anschlag bei allen Sicherheitsmaßnahmen nicht ausgeschlossen werden kann. Für am wahrscheinlichsten wird dabei ein „lone wolf“, ein Einzeltäter gehalten, der etwa mit einer so genannten „schmutzigen Bombe“ wiederum weitreichendes Unheil anstellen könnte.

Auch wenn die Blickwinkel sich hie und da unterscheiden, auch wenn die US-amerikanische Einstellung und Herangehensweise Skepsis und in manchen Punkten klare Kritik hervorrufen, der unmittelbaren Erzählung dieser beiden Entscheidungsträger kann man sich schwer entziehen. „Oral History“, der Bericht der dabei Gewesenen, hat eine Kraft und Anschaulichkeit, die mit nichts zu vergleichen ist.

Zehn Jahre danach sprechen Hastert wie Chertoff sehr kühl, sehr rational über ihr Erleben jenes Tages und die Politik der USA seither. Und doch wird zwischen den Zeilen klar, wie sehr auch sie bewegt waren, welche Erschütterung von diesem Schlag ausgegangen ist. Der Tag ist immer noch bei ihnen. Auch heute noch.

Frank B. Halfar

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Rédacteur en chef j:mag

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