Berlinale: Rentaneko (Rent-a-Cat) in Panorama

Eine Novelle, so haben wir es einmal in der Schule gelernt, ist die Erzählung einer unerhörten Begebenheit. Der im Panorama gezeigte japanische Film von Naoko Ogigami erfüllt auch genau diesen Anspruch: er schildert eine kleine Geschichte, die eine Qualität des noch nicht Gehörten hat, und er erzählt, im besten Wortsinn. Eine Kunst, die etliche Filmemacher schon lange nicht mehr beherrschen.

Die Heldin Sayoko ist eine noch junge Frau, deren zurückgezogene Lebensweise eigentlich die eines viel älteren Menschen ist. Sie lebt allein in einem kleinen, aber idyllischen Häuschen, und sie hat ganz offenbar nicht viel Geld. Was sie hat, sind etliche Katzen, denen ihre ganze Liebe und Fürsorge gilt. Und die sie vermietet!

Das Geschäftsmodell ist ganz einfach: Sayoko lädt ein halbes Dutzend Katzen in ihren Bollerwagen und zieht damit am Flussufer entlang. Natürlich sind die Tiere so wohlerzogen und an ihrer Besitzerin hängend, dass es keiner Mieze je einfallen würde, das Weite zu suchen. Sonst braucht sie nur noch ein Utensil, ihr kleines Megaphon, eine richtige Flüstertüte, mit der sie ihr Angebot jedem hörbar macht: Katzen zu vermieten! Sind Sie einsam? Mieten Sie eine Katze!

Rentaneko (Rent-a-Cat)

Mancher würde auf so eine Erscheinung sicher genau wie die zwei Schuljungen im Film reagieren und befremdet weglaufen, gerade wie vor der bösen Hexe aus dem Märchen. Was wäre denn nicht auch von einer so seltsamen Person möglicher Weise alles zu befürchten? Doch hie und da beisst jemand an, und dann besteht Sayoko als gewissenhafte Katzenhalterin selbstverständlich auf einer Inspektion, bevor sie einen ihrer Stubentiger aus der Hand gibt. Mit strengem Blick lässt sie sich die Wohnung zeigen, und vom möglichen nächsten Kunden genau erklären, wie er denn mit der Katze umzugehen gedenke. Der Preis, den Sayoko verlangt, verwundert jeden Mieter, weil er so gering ist.
Könnte es sein, dass es bei diesem „rent-a-cat“ um etwas ganz anderes geht? Der Eindruck entsteht schnell, denn Sayoko ist eine sehr einsame Frau, in deren Leben es nur ihre Katzen zu geben scheint, und ihre gelegentlichen Katzenmieter. Daneben hat sie nur noch Kontakt mit der Nachbarin, ein skurilles Wesen mit einer ungewöhnlichen Direktheit, durch die noch jede kurze Begegnung mit einem Affront endet.

Mikako Ichikawa spielt die Sayoko mit viel Fröhlichkeit, mit Lebensbejahung und Zuversicht. Das weitere Personal trägt mit kurzen, aber prägnanten Auftritten zur Unterhaltung des Zuschauers bei, im ganzen Film gibt es keinen Charakter, der nicht im Gedächtnis bleibt. Und selbstverständlich ziehen die Katzen alle Blicke auf sich. Naoko Ogigami, für Regie und das Drehbuch verantwortlich, entschied sich für eine Episodenstruktur, mit Dialogen, die sich teilweise fast wörtlich in verschiedenen Situationen wiederholen und dann abwandeln. Dieser Kunstgriff funktioniert sowohl als Verfremdungseffekt wie auch als Quelle von reichlich Komik.

Wer das (Vor-) Urteil kennt, Film könne man nicht studieren, das sei nur eine Frage von Talent und grossen Budgets, wird hier einmal eines Besseren belehrt. Ogigami studierte Film an der University of Southern California. Wenn ihr „Rentaneko“ ein für diese Schule typisches Erzeugnis ist, muss die Ausbildung dort ziemlich gut sein. Dem 110 Minüter gelingt es, jene Heiterkeit und Wärme zu erzeugen, die bei einer etablierten Produktion wohl zu einer Bezeichnung als „feel good movie“ führen würde. Nur dass dies Rentaneko mit kleinen Mitteln und grosser Subtilität gelingt. Der Pressetext legt den Film Katzenfreunden ans Herz, mit dem wohlmeinenden Hinweis, dass auch Allergiker garantiert nichts zu befürchten hätten. Hoffentlich gehen auch ganz andere Menschen in diesen Film, hoffentlich gibt es dazu die Gelegenheit auch ausserhalb eines Festivals.

Rentaneko ist nichts weniger als ein Plädoyer für Humanität, als eine sanfte, aber nachhaltige Gemahnung, einen zweiten Blick auf Menschen zu werfen, die uns zuerst eigenartig, schräg, befremdend vorkommen mögen. Hinter denen aber vielleicht eine Geschichte steckt, die kennen zu lernen lohnt. Das geschieht ganz frei von Belehrung, mit einer Leichtigkeit, die Meisterschaft verrät. Ein grosser kleiner Film. Eine Entdeckung. Eine unerhörte Begebenheit.

Frank B. Halfar

von Naoko Ogigami; mit Mikako Ichikawa, Reiko Kusamura, Ken Mitsuishi; Japan; 2012; 110 Minuten

© j:mag Tous droits réservés

Advertisements

About malik berkati

Rédacteur en chef j:mag

Laisser un commentaire

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Changer )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Changer )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Changer )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Changer )

Connecting to %s

%d bloggers like this: