„Before Midnight“ – Was macht ein Sequel auf einem Filmfestival?

[Diese Filmkritik ist von Frank B. Halfar geschrieben. Ich habe sie nur gepostet.
MaB
]

Die Frage nach der Existenzberechtigung einer Fortsetzung, gar dem dritten Film einer „Serie“ bei solchem Anlass könnte mit einiger Polemik leichtens gestellt werden, zumal Berlinale Bashing, insbesondere was die Auswahl der Filme für den Wettbewerb angeht, mit jedem Tag des Festivals lauter und stärker wird, sicher nicht ganz ohne Berechtigung.

Before Midnight - © Despina Spyrou

Before Midnight –
© Despina Spyrou

Jedoch, Richard Linklaters dritter „Before“ Film ist nicht nur reinstes Arthaus und Star-Kino zugleich –Julie Delpy und Ethan Hawke geben zum dritten Mal das Paar Céline und Jesse-  er unterhält und rührt an, und riss das Publikum bei der Premiere des ausser Konkurrenz gezeigten Films zu ausgedehntem und sehr herzlichem Beifall hin.

Wer die beiden ersten Filme, „Before Sunrise“  von 1995 und „Before Sunset“ von 2004 –beide einstmals im Wettbewerb der Berlinale –  nicht gesehen hat, dem begegnet hier ein interkulturelles Paar in griechischer Urlaubskulisse  und  heftiger Beziehungskrise, wie es sie in realen Urlauben realer Paare nicht selten geben soll. Bemerkenswert schon die Länge der Szenen: eine Autofahrt vom Flughafen zurück in den Ferienort etwa wird fast in Echtzeit wiedergegeben, so etwas liesse auf jeder Filmhochschule auch dem Anfänger niemand durchgehen, von Hollywood mal ganz zu schweigen. Doch auch dem Uneingeweihten werden die Protagonisten auf diese Weise sehr effektiv vorgestellt, ein intellektuelles, ausgesprochen eloquentes Paar, beide mit sowohl einer gemeinsamen als auch jeweils sehr eigenen Vergangenheit.

Alte Bekannte kehren zurück

Allein, wer im ausverkauften Berlinale Palast ist wirklich uneingeweiht? Vielmehr scheinen fast alle im Saal ein unerwartetes, dabei hoch willkommenes Wiedersehen mit Céline und Jesse zu feiern, die sich einst im Zug begegneten, eine magische Nacht durch Wien streiften, sich verliebten und nicht das Offensichtliche taten, sondern sich ein Wiedersehen versprachen, während beiden ihre Fahr- und Rückflugpläne im Nacken sassen. 2004 erfuhren wir dann, wie es weiterging: sie trafen einander nicht, aber vergessen haben sie sich auch nicht. Er ist als Autor halbwegs bekannt geworden mit der Geschichte jener ersten Begegnung, sie  trifft ihn bei einer Lesung und es folgt ihr zweiter grosser Dialog, diesmal am ausgehenden Tag und in Paris.

Beide Filme hatten ein offenes Ende, ob aus den Beiden „etwas wurde“, erfuhr der Zuschauer nie. Neben der sehr besonderen Chemie  beider Figuren machte das sicher gerade den Reiz der ersten beiden „Before“ Filme aus. Es  schien  ein Risiko, dieses nun aufzulösen, uns die zwei als Paar und Eltern von Zwillingen zu zeigen, denen die letzte Nacht in den Ferien zur grossen Beziehungskrise gerät. Erstaunlicher Weise gelingt dies besser, als man erwarten hatte dürfen. Wieder entstanden faszinierende  Dialoge zwischen Realitätsnähe und künstlerischer Dramaturgie, denen zuzuhören man nicht müde wird, die zum Lachen, zum Wundern, zum Erschrecken und auch zum Weinen sind.

Linklater, Delpy und Hawke schrieben das Drehbuch gemeinsam, die Darsteller beteuern auf der Pressekonferenz auch, dass keinesfalls nur sie für den weiblichen Charakter geschrieben hat und umgekehrt. Die drei Autoren lieben ihre beiden Geschöpfe augenscheinlich sehr, und es erscheint als das Erfolgsrezept dieser Filme, wie sie diese Liebe dem Publikum vermitteln und es dabei bestens unterhalten. Hawkes Jesse ist ein Sympathieträger, dessen Humor und Spritzigkeit, einem ewigen Kind im Manne bei allem Erwachsen-geworden-sein, sich niemand entziehen mag, Delpys Céline eine sehr gallische moderne Frau, die ihre eigentlich längst gewonnene Emanzipation schon vor jedem echten Angriff auf ihre Selbstbestimmtheit mit Verve verteidigt und ihrem schriftstellernden Mann an Beredsamkeit in Nichts nachsteht.

Nicht nur älter sind sie geworden, ein Paar und Eltern von Zwillingstöchtern. Anders als in den beiden ersten Filmen zeigt „Before Midnight“  Céline und Jesse auch im Kontext eines persönlichen Umfelds, im Gespräch mit ihren miturlaubenden Bekannten, und nicht in einer Weltstadt, sondern in einem malerischen Ort auf der Peloponnes. Die Beziehungskrise findet im Land der ganz grossen Krise statt.

Offenes Ende und ein Preis für den Regisseur

Als Ethan Hawke nach dem zweiten Film gefragt wurde, ob und wie es denn weitergehen könnte, wich er dem Ansinnen mit der Antwort, vielleicht mit „Before We Go Crazy“ als nächstem möglichen Titel gewohnt schlagfertig aus. Nun also „Before Midnight“, und wieder fragen alle, ob denn die vierte Folge ansteht. Linklater und seine Darsteller schliessen nichts aus, das Ende des aktuellen Films tut es genauso wenig. Eine Trennung von Jesse und Céline scheint genauso möglich wie ein neues Zusammenfinden in einer Liebesnacht, über die sie noch als 80jährige reden werden.

Es gibt Fragen, auf die man keine Antwort findet. Das ist dann auch richtig und gut so. Die Macher dieser nun über 18 Jahre gestreckten „Serie“ von drei Filmen handeln, soweit irgend erkennbar, weil sie zum Sujet wirklich wieder etwas zu sagen haben und nicht aus niedrigeren Motiven.

Wenn es vielleicht doch in etwa neun  Jahren wieder „Before….“ heissen sollte, dann möge es Linklater, Delpy und Hawke erneut gelingen, einen Zauber aus wenig mehr als Gesprächen zu entfachen, ansonsten traue man ihnen die Weisheit zu (und wünsche sie ihnen), es bei dem mitternächtlichen Ende an griechischen Gestaden dann doch zu belassen. Mit „Before Midnight“ haben sie einer bislang an Höhepunkten nicht eben reichen Berlinale 2013 eine kleine Sternstunde beschert, für die Linklater von Berlinale Chef Dieter Kosslick verdient eine Berlinale Kamera als Ehrenpreis überreicht bekam.

Frank B. Halfar

Before Midnight, von Richard Linklater, mit Julie Delpy, Ethan Hawke, Xenia Kalogeropoulos, Ariane Labed, Athina Rachel Tsangani, Seamus Davey-Fitzpatrick, USA/Griechenland, 2013, 108 min.

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