Die Zukunft politischer Entscheidungen ?

Frank B. Halfar, Berlin

Von Digitalisierung, dumbing down und dem Zwang zum Entertainment

Jedes Jahr im Herbst lädt die Konrad Adenauer Stiftung -die der CDU ausgesprochen nahe steht- zu einer Konferenz über politische Kommunikation. Ganz bewusst geht es da nicht um Inhalte und Programme, sondern um deren Transport: wie werden Wahlkämpfe heute geführt, wie der Wähler erreicht, wie der Gegner ausgestochen.

IKPK - © Konrad-Adenauer-Stiftung

IKPK 2015 – © Konrad-Adenauer-Stiftung

Etliche der Referenten kommen aus den USA, die, wie üblich, Europa in Sachen Technologie und deren uneingeschränktem Einsatz vorauseilt. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass auch Politik heute nicht ohne digitale Medien auskommt, auch jede deutsche Partei hat ihre Webseite, Politiker sind natürlich auf Facebook präsent, setzen Tweets ab, die Bundeskanzlerin auch jede Woche einen Podcast. Dennoch wirkt das alles geradezu rührend altmodisch gegen die kommunikative Revolution, die auf der anderen Seite des Atlantiks stattgefunden hat.

Barack Obama wäre ohne seine digitale Kampagne nie Präsident geworden, und die Bewerber für 2016 eifern ihm nach, mit unterschiedlichem Erfolg. Aufsehenerregend ist dabei vor allem die Art und Weise des Aufbaus einer Beziehung zum Nutzer der Medien, das Sammeln von Informationen über jeden Anhänger, jeden Besucher der jeweiligen Webseite oder des Facebook Profils. Ein digitaler Kampagnenmanager kann heute sagen, wo ein potentieller Wähler lebt, welche Inhalte ihn interessieren, welchen Prominenten er gut findet. Wäre die Schuhgröße auch von Interesse, es wäre fraglos kein Problem, sie ebenfalls in das Profil aufzunehmen.

Die Massensendung wird “persönlich”

Die Infos werden genutzt, um das Wahlvolk gezielt anzusprechen. Ein Hiphop Fan bekommt dann etwa eine Mail von Jay-Z, der einen Kandidaten unterstützt, während die Dame nebenan dieselbe Mail erhält, aber mit George Clooney als Absender. Mails werden in verschiedenen Versionen und “Wordings” zunächst an kleine Zielgruppen verschickt, die mit der besten Resonanz dann an den großen Verteiler.

Amerikanische Bewerber um ein politisches Amt sind auf Spenden angewiesen, nicht zuletzt diese werden von Mailkampagnen eingeworben….in Multi-Millionen Höhe, wenn es gut für den Aspiranten läuft. Längst gibt es mit “Anedot” einen eigenen Service à la Paypal, eigens für Wahlkampf Finanzierung.

Jüngere Amerikaner erhalten ihre politischen Informationen praktisch nur noch über ihr Smartphone oder den heimischen Computer. Das Fernsehen ist zweitrangig, wenn es überhaupt noch genutzt wird. Eine gedruckte Zeitung dürfte bereits als exotisch gelten. Bedeutend wie bedenklich ist dabei der Zwang zur Unterhaltung: was nicht witzig, aufregend, geeignet für den Klatsch mit Freunden oder Kollegen ist, wird gar nicht erst wahrgenommen.

Konsequenz der Kampagnenmacher: die Aufmerksamkeit richtet sich mehr und mehr auf das “wie” -wie wird man gesehen, wie erreicht man ein Like, einen Retweet, das Hinterlassen der eigenen Email Adresse. Der politische Inhalt tritt immer mehr zurück, oft kommt er praktisch gar nicht mehr vor. Da wird etwa eine Dating Show parodiert, bei der die junge Dame nicht lange überlegen muss, ob sie ihre Rose nun dem fiesen Demokraten oder dem netten Republikaner mit Hundeblick überreichen soll.

Einer der Repräsentanten der “brave new world”

Vincent Harris ist so ein Digital Guru, der mit seinen viralen Attacken ein längst nicht nur in den USA gefragter Berater von wahlkämpfenden Hoffnungsträgern geworden ist. Bei der letzten israelischen Wahl wurde er vom Likud Block von Premier Netanjahu angeheuert, den er in einem Youtube Video als “Bibi-Sitter” auftreten ließ. Ein sympathisches Ehepaar der gehobenen Mittelklasse ist baff erstaunt, als statt eines jungen Mädchens der Premierminister vor der Tür steht, um abends auf den Nachwuchs aufzupassen. Sollte man etwa einem seiner Gegner die Kinder anvertrauen? Die würden sich doch an der Hausbar vergreifen, zu den Nachbarn gehen, oder wer weiß was anstellen… Das Video war ein Hit, und gilt in der Branche längst als Paradebeispiel für den viral wirkenden Wahlkampf der Zukunft.

Vincent Harris, digitaler Chefstratege von Rand Paul - © Konrad-Adenauer-Stiftung

Vincent Harris, digitaler Chefstratege von Rand Paul – © Konrad-Adenauer-Stiftung

Tatsächlich ist es schwer, sich dem Witz und der Originalität solcher Kurzfilmchen zu entziehen, wie auch Vincent Harris im persönlichen Gespräch ein reizender Mensch ist, eloquent, humorbegabt, voller Esprit. Wer sich einen evangelikal-rechtskonservativen Texaner nur als tumben Trottel vorstellen kann, wird in diesem Fall sein Feindbild dahinbröckeln sehen.

Doch politischen Inhalt findet man in diesen höchst erfolgreichen Wahlkampfmitteln selten, oft fehlt er ganz. Ein Ergebnis der sehr gründlichen empirischen Forschung, die solche knallharten Geschäftsleute betreiben, ist besonders beunruhigend: der durchschnittliche Konsument digitaler Medien vergisst angesichts der immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsdauer, des ständigen Gewitters neuer Updates, Tweets und Whatsapp Eingänge, woher er eine Meinung, eine Wahlempfehlung, eine Information eigentlich hat. War es eine “seriöse Quelle”, oder doch nur ein Video, in dem so niedlich mit Katzen ein politisch beabsichtigtes Narrativ transportiert wurde? Beim Weitererzählen ist das längst passé. So kann es zu einem “dumbing down” kommen, bei dem die eigene Wahlentscheidung auf sehr tönernen Füssen steht, wenn nicht gar Manipulation stattgefunden hat.

In der Schweiz scheint sich die SVP zuletzt an solchen Motiven orientiert zu haben, mit ihrer inhaltsarmen Kampagne samt Video mit Kandidaten beim Klogang. Aufmerksamkeit erregen ist alles…

Ausblick und Vorschlag eines Auswegs

Nun lässt sich das alles nicht aufhalten, man muss auch nicht gleich den Untergang des Abendlandes kommen sehen. Oder mit Jonathan Franzen das Internet mit der Ausspähung auch noch der intimsten Segmente des Lebens durch die Stasi der DDR gleichsetzen. Wobei der Star-Autor dies tatsächlich in seinem neuen Roman “Unschuld”, im Original “Purity”, unwiderstehlich lesenswert und in Teilen sicher auch nur schwer zu bestreiten so schildert.

Ein paar einfache Verhaltensregeln können schon viel helfen: etwa beim Suchen auf Google nicht immer nur die erste Seite der Ergebnisse zur Kenntnis nehmen, wie es, so auf der Konferenz zu hören, mehr als 70% der Nutzer tatsächlich tun. Noch besser: nicht nur auf Google vertrauen, viele Medien nutzen, die Ansprache politischer Werbung, wie auch immer sie daher kommt, hinterfragen, bevor man auf “Like” klickt oder gar seine Entscheidung trifft. Dann muss es nicht notwendig von Schaden sein, wenn auch hierzulande politische Werbung unterhaltsamer wird.

Frank B. Halfar

Die Internationale Konferenz zur politischen Kommunikation wird von der Konrad Adenauer Stiftung jährlich in Berlin veranstaltet, Dank an Ralf Güldenzopf und sein Team.

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About malik berkati

Rédacteur en chef j:mag

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