Neue Ausstellung in der Gemäldegalerie Berlin: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

von Teresa Vena

Zum 1. Juli eröffnet, ist in der Gemäldegalerie in Berlin bis Ende Oktober 2016 eine umfangreiche – nach eigenen Angaben die bisher umfangreichste Ausstellung in der Geschichte des Museums und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz an sich, was schwer zu glauben ist – eine Werkschau zum spanischen 17. Jahrhundert zu sehen. Unter dem Titel El siglo de oro. Die Ära Velázquez soll diese “goldene” Zeit für die bildenden Künste auf der iberischen Halbinsel ins richtige Licht gerückt werden. Außerhalb Spaniens gilt Diego Velázquez als Gesicht dieser Epoche, darüber hinaus ist kaum mehr bekannt.

Die Ausstellung setzt sich zum Ziel Malerei und Skulptur der Epoche zu parallelisieren. So lobenswert diese Absicht auch sein mag, wird aber doch deutlich, dass die Skulptur der Malerei qualitativ unterlegen ist, so dass Vergleiche wenig ergiebig sind.

El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez - Ausstellungsansicht © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Achim Kleuker

El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Ausstellungsansicht
© Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Achim Kleuker

Die schönsten Spanier kommen aus Spanien

Dies liegt entscheidend daran, dass europäische Kunstsammlungen (abgesehen von London, Paris und Wien) im allgemeinen über ein nur sehr beschränktes Korpus an Werken dieser Epoche verfügen.

Unter der Leitung Wilhelm von Bodes (1890-1929), der der Entwicklung der gesamten Museumslandschaft Berlins bedeutende Dienste in Form von Aufbauarbeit und die Einbindung von Mäzenen geleistet hat, erhielt die Gemälde- und Skulpturensammlung (er gründete 1904 das Bodemuseum) entscheidenden Zuwachs in allen Epochen vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert. Heute – der Umfang der Sammlung hat sich im Wesentlichen seit Bode nicht mehr verändert -, besitzen die beiden Museen exemplarische Meisterwerke der wichtigsten Kunstrichtungen Deutschlands, Italiens und der Niederlande, so dass sie in der Lage sind,  allein mit den eigenen Beständen 400 Jahre Kunstgeschichte dieser Länder illustrieren zu können. Das wäre ein Potential für Sonderausstellungen, das Berlin in den letzten Jahrzehnten, sei es aus Geldmangel, Desinteresse oder mangelndem Selbstbewusstein, nicht annähernd zu nutzen wusste.

Trotz Bodes Einsatz waren zu seiner Zeit keine erstrangigen Werke spanischer Künstler des 17. Jahrhunderts auf dem Markt mehr erhältlich. Die Werke Velázquez’, die er noch erstand, wurden in der Zwischenzeit entweder der Werkstatt des Künstlers zugeschrieben oder gänzlich abgeschrieben. Als Kern der aktuellen Ausstellung fungieren aus eigenen Beständen also einzig ein unangezweifeltes Porträt einer aristokratischen Dame, Die drei Musikanten und mehrere Werkstatt-Bildnisse. Der Mammutanteil der über 130 Ausstellungsobjekte zählende Schau stammt von 64 auswärtigen Leihgebern. Aus spanischen Museen und anderen Institutionen wie verschiedenen Kirchen fanden mehr oder weniger eindrucksvolle Gemälde und Skulpturen ihren Weg nach Berlin.

Die Gesichter einer Epoche: Velázquez, Murillo und Ribera

Die eigenständige Tradition der bildenden Künste blieb in Spanien bis zum Ende des 16. Jahrhunderts bescheiden. Anschließend setzten sich Hof und Kirche das Ziel, den Rückstand auf die als vorbildlich eingestufte italienische Entwicklung aufzuholen. Mit einer entschiedenen Förderungspolitk, der Berufung führender Meister aus Süditalien und dem Aufbau einer großen Sammlung am Madrider Hof gelang es, diese Vorgabe innert zweier Generationen zu erreichen.

Dieser schnellen, von der staatlichen Zentralmacht gesteuerten Entwicklung ist es wohl zuzuschreiben, dass die Geschichte der spanischen Malerei des 17. Jahrhundert eine Geschichte weniger herausragender Künstlerpersönlichkeiten ist, die sich von einer recht durchschnittlichen und einförmigen Gesamtproduktion abheben. Die Werke der großen Meister zeugen von der maltechnischen Fertigkeit sowie der bildthematischen Innovationskraft ihrer Autoren, die sich gegenüber den italienischen oder niederländischen Zeitgenossen absetzen konnten.

Aus dem Prado stammt das Bildnis eines Hofnarrn von Velázquez, das zu einer mehrere Stücke umfassenden Serie gehört. In seiner Stellung als “pintor de camára”, Hofmaler, hatte er Zugang zu den kleinwüchsigen und behinderten Menschen, die an Hof zum Amüsement gehalten wurden. Ferner sind es seine psychologisch eindringlichen Porträts- der spanischen Hocharistokratie, die ihn als einen der bedeutendsten Maler seiner Zeit kennzeichnen. Ein weiteres in der Ausstellung gezeigtes Hauptwerk ist die Darstellung eines älteren Mannes als Kriegsgott Mars, ein Bild, in dem Velázquez, ähnlich wie gleichzeitig Rembrandt und beide sicher vom späten Tizian beeinflusst, seinen impressionistischen Pinselduktus in ein Extrem trieb, das die zeitgenössischen Betrachter wohl mit Befremdung aufnahmen.

Wie Velázquez stammte Bartolomé Esteban Murillo aus Sevilla. Sevilla war um 1600 noch die mit Abstand größte Stadt Spaniens und – im Gegenteil zu heute – reich und florierend, ehe es im Lauf des 17. Jahrhunderts hinter Madrid zurücktreten musste. Es war ebenfalls eines von insgesamt drei gleichwertigen Kunstzentren der Zeit. Neben Andalusien waren Zentralspanien um Madrid, Valladolid und Toledo mit dem Sitz und der Nähe des königlichen Hofes sowie Valencia als unabhängige Stadt an der Küste eigene Zentren, die zum Teil auch eigene Schwerpunkte in formaler Gestaltung oder Themenwahl herausgebildet haben.

Murillo interessierte sich für das Leben der Bauern oder städtischen Unterschichten, das er mit der Darstellung von zwar ärmlichen, aber fröhlichen Kindern aus dem Volk idealisiert. Die lieblich-anekdotische Note seiner Arbeiten lässt sein Werk, in der Ausstellung zum Beispiel an Die Pastetenesser aus der Alten Pinakothek in München zu ersehen, aus heutiger Sicht nicht besonders modern wirken. Ähnliches gilt für Jusepe de Ribera, der auch in Neapel tätig war, der sich, neben seinem ikonischen Jungen mit dem Klumpfuss im Louvre (leider nicht in Berlin zu sehen), vor allem religiösen Themen widmete. In Berlin präsentiert die Gemäldegalerie nun eine Maria mit Kind von Engeln umgeben, die auf den zweiten Blick einen in seinen Bann zu ziehen vermag. Besonders originell sind dabei die Engelsköpfchen, die sich mit den umgebenden Wolken, die wie Watte wirken, vermischen. Die Parallele zur Sixtinischen Madonna von Raffael in Dresden drängt sich förmlich auf.

Einfluss aus Italien

Da die spanischen Habsburger zugleich Könige von Neapel-Sizilien waren, waren besonders die Beziehungen zu Süditalien eng. Die künstlerischen Einflüsse aus Italien sind für das ganze Siglo de Oro schon deshalb offensichtlich. So erstaunt die Ähnlichkeit zwischen Guido Reni, Sebastian del Piombo und insbesondere Caravaggio mit den spanischen Zeitgenossen wenig. Gerade Caravaggios Naturalismus in der Darstellung seiner Figuren und Szenerien sowie seine suggestive, fast theatralische Hell-Dunkel-Kontrasttechnik finden sich in den Arbeiten seiner Kollegen aus Spanien wieder.

Sowohl in Spanien als auch in Italien war die Kirche, noch vor dem Hof, wichtigster Auftraggeber. Im Fieber der Gegenreformation entstanden daher mit Pathos aufgeladene großformatige Bilder, die in der Themenstellung die ganze Produktion des spanischen 17. Jahrhunderts dominieren.

Francisco de Zurbarán: Heilige Margareta von Antiochien, 1630-34 © The National Gallery, London

Francisco de Zurbarán: Heilige Margareta von Antiochien, 1630-34
© The National Gallery, London

Von der Durchschnittsproduktion christlich-religiöser Motivik hebt sich Francisco de Zurbarán entschieden ab, ein vielschichtiger Künstler, der noch unter seinem Wert bekannt ist. In den letzten drei bis vier Jahren sind in Museen außerhalb Spanien vermehrt Einzelausstellungen organisiert worden, wie im Musée des Beaux-Arts in Brüssel (2014) oder jüngst im Museum Kunstpalast Düsseldorf (2015-2016), die das Bewusstsein für seinen Rang geschärft haben. In der Ausstellung in Berlin hängen drei beeindruckende, fast gleichgroße Gemälde neben einander. Das eine, herausragende und im Gesamtwerk einzigartige, besitzt die Gemäldegalerie selbst. Es zeigt einen adligen Knaben in militärischer Galauniform. Wie bei den beiden anderen Bildern hat der Maler sein Sujet in scharf umrissener Körperlichkeit vor einen dunklen, einfarbigen Hintergrund positioniert. Auf dem Gemälde aus London sieht man die Heilige Margareta von Antiochien und auf dem aus Barcelona den Heiligen Franziskus. Die überlebensgroßen Bilder entfalten eine bemerkenswerte suggestive Kraft, die sie entschieden modern wirken lassen. Die Heilige Margareta stellt Zurbarán wie ein einfaches Mädchen vom Land dar. Sie trägt als ungewöhnliches Accessoire ein gewobenes Täschchen, wie es im Spanien der Zeit Mode war – und nicht etwa im spätantiken Syrien.

Stilleben

Im Vergleich zu den Niederlanden, die im 17. Jahrhundert ebenfalls ein goldenes Zeitalter der Malerei erlebten, fanden Kunstgattungen wie die Landschaftsdarstellung oder das Stilleben eine weitaus weniger ausgeprägte Entwicklung und Anerkennung. Während sich in den Niederlanden eine beispiellos wachsende Schicht an Kaufleuten entwickelte, die sich im Bereich der Kunst auch für profane Themen interessierte, blieb die die spanische Malerei thematisch am Religiösen haften, weswegen auch vereinzelte Landschaften, sieht man von der bekannten Landschaft El Grecos, die Toledo in gewittriger Wetterstimmung zeigt (in New York), ab, nur als Nebenprodukt entstanden.

Schule von Madrid: Bücherstilleben, um 1630/40 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Foto: Jörg P. Anders

Schule von Madrid: Bücherstilleben, um 1630/40
© Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Foto: Jörg P. Anders

Etwas anders verhält es sich mit der Gattung des Stillebens. Sowenig die Stillebenmalerei auch angesehen war, haben die Spanier hier Werke geschaffen, die in ihrer Intensität einmalig sind. Als absoluter Meister während des 17. Jahrhunderts ist Juan Sanchez Cotán anzusehen, der in der Ausstellung mit einem- seiner ungefähr zehn erhaltenen- Stilleben vertreten ist. Seine in einer Nische platzierten Gemüse und an Fäden aufgehängten Wildenten erreichen einen Grad anschaulicher Plastizität, die es ermöglichen, die Fasern der Kohlblätter oder die Entenfedern einzelnen zu sehen. Sanchez Cotán und Juan de Hamen y Leon, ein weiterer Meister des „bodegón“, gehören definitiv zu den Schätzen der Ausstellung, die für sich den Eintritt bereits lohnen.

Gestohlenes Gold

Um auf den Titel der Ausstellung zurückzukommen, bleibt zu sagen, dass die Bezeichnung „golden” für das Zeitalter auf verschiedene Weise interpretiert werden kann. Einerseits bezeichnet sie die Fülle und Dichte der künstlerischen Produktion der Zeit in Spanien, sowohl in dichterischer Literatur wie Malerei, wie sie vorher und nachher nicht mehr dagewesen ist. Andererseits hat das Wort auch einen bitteren Beigeschmack. Die Größe und Macht des damaligen Spaniens beruhte auf der kolonialistischen Ausdehnung der Krone auf Gebiete in Asien, aber insbesondere im heutigen Zentral- und Südamerika. Die Plünderung der indigenen Völker ermöglichte erst die Akkumulation von Reichtum in einem technik- und wirtschaftsgeschichtlich eigentlich nicht fortgeschrittenen Land. Die aus den Kolonien fließenden Mittel kamen nur wenigen zugute, die weite Masse der Bevölkerung lebte in ärmlichen Zuständen. So erlebte diese „goldene” Zeit nur eine schmale Elite – ein Aspekt, der in der Ausstellung nicht thematisiert wird.

„El siglo de oro. Die Ära Velázquez“  – bis zum 30. Oktober 2016
Gemäldegalerie Berlin – Kulturforum, Matthäikirchplatz
Öffnungszeiten : Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr
Weitere Informationen auf der Internetseite der Gemäldegalerie

Erschienen ist ein umfassender Katalog, und ein Rahmenprogramm, das sowohl Tanz, Film und Gastronomisches beinhaltet, begleitet die Veranstaltung.
Für den informativen Audioguide konnte die Stiftung Preußischer Kunstbesitz den spanisch-deutschen Schauspieler Daniel Brühl gewinnen.

Teresa Vena, Berlin

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