Museum des 20. Jahrhunderts: Neues Grossprojekt in Berlin nach Plänen der Schweizer Architekten Herzog & De Meuron

von Teresa Vena

Neben die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe und vor das Kulturforum soll das Museum des 20. Jahrhunderts entstehen, das erstmals die deplorable Lage der musealen Präsentation der Kunst der Moderne in Berlin ändern soll. Als Gewinner aus dem Architekturwettbewerb sind die Schweizer Herzog & De Meuron hervorgegangen, die sich gegenüber einer prominenten, internationalen Konkurrenz abgesetzt haben.

Realisierungswettbewerb „Das Museum des 20. Jahrhunderts“. 1. Preis. Außenperspektive © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin

Realisierungswettbewerb „Das Museum des 20. Jahrhunderts“. 1. Preis. Außenperspektive
© Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin

Die Vorgeschichte: Machtkampf zwischen Alte und Neue Meister

Die Vorgeschichte zu diesem gewichtigen Vorstoss in der Museumsplanung Berlins ist eine recht turbulente. 2013 ging eine heftige Polemik durch Politik und Fachwelt, nachdem, angetrieben vom Direktor der Neuen Nationalgalerie, Udo Kittelmann, und unterstützt durch den in Berlin ansässigen Sammler Heiner Pietzsch, der der Stadt seine Sammlung unter der Bedingung vermachen möchte, dass sie auch sichtbar sei, die Forderung kam, das Gebäude, in dem aktuell die Gemäldegalerie untergebracht ist, für die Sammlung des 20. Jahrhunderts umzubauen. Für die Gemäldegalerie sollte auf der Museumsinsel ein Erweiterungsbau des Bodemuseums als neues Domizil geschaffen werden. Bis zur geplanten Fertigstellung 2020 hätten die Werke der Gemäldegalerie, gezwungenermassen in stark eingeschränkter Form, unter die Sammlung des Bodemuseums eingestreut gezeigt werden sollen. Zum einen war der Gedanke zu begrüssen, die Gemäldegalerie an die Museen der Museumsinsel anzuschliessen, knüpft sie thematisch zweifelsfrei daran an. Auch das Argument, die Sammlung erhielte auf diese Weise endlich die breite Aufmerksamkeit, die sie wegen ihres Weltrangs verdiene, kann nicht von der Hand gewiesen werden.

Unhaltbar an diesem Vorschlag, und das untermauert gerade letzteres Argument umso mehr, wäre allerdings gewesen, dass der weitaus grössere Teil der Gemäldesammlung für Jahre, gar ein Jahrzehnt oder zwei – und das Schicksal von architektonischen Grossprojekten in Berlin hat sich nun bereits an mehreren Beispielen gezeigt – im Wortsinn von der Bildfläche verschwunden wäre. Dass das aktuelle Gebäude am Kulturforum wiederum durchaus nicht ideal ist für die Sammlung, ist auch kein Geheimnis. Bereits bei seiner Fertigstellung war es zu klein, da es für die damalige Westsammlung konzipiert wurde, die bei der Wiedervereinigung 1989 mit der im Osten zusammengeführt wurde, und daher heute fast die Hälfte der Werke im Depot untergebracht werden muss. Unbestritten ist also, dass in diesem Sinn eine Lösung noch ausbleibt.

Dass die Gemäldegalerie nicht den gleichen Besuchermassen ausgesetzt ist, wie es auf der Museumsinsel mit Sicherheit der Fall wäre, macht das Museum gerade unter Kennern umso wertvoller. Einerseits liegt dies am Standort des Kulturforums, das von der Strasse entrückt liegt und in einer bis heute noch städtebaulich wenig attraktiven Lage, doch zum Teil auch an der vergleichsweise Inaktivität des Haues in Bezug auf das Angebot an wechselnden Ausstellungen oder Projekten der letzten Jahrzehnte.

Neugestaltung des Kulturforums

Ersterer Punkt könnte nun auf jeden Fall mit dem Bau des Museums des 20. Jahrhunderts angegangen werden. 2014 bewilligte der Bund 200 Millionen Euro für die Errichtung. Unter den eingereichten Projekten wurde der Vorschlag von Herzog & De Meuron, dessen grosse Stärke es ist, dass er den zur Verfügung stehenden Raum, nämlich die Parzelle zwischen Neue Nationalgalerie, St.-Matthäus-Kirche, Philharmonie und Potsdamer Strasse räumlich optimal ausnutzt. Der Schweizer Architekt Pierre De Meuron meinte wohlweislich bei der Präsentation der Pläne im Kulturforum Mitte November, dass es an Plätzen auf dem Areal wahrlich nicht mangle. Zumal schon nur die Freifläche vor dem Kulturforum, ausserhalb der Freiluftkinosaison im Sommer, weitgehend ungenutzt bleibt. Das neue Gebäude vereinigt unter einem erstaunlich einfachen und urtümlichen Satteldach unterschiedliche Raumkonzeptionen, die im Innern entlang von zwei sich kreuzenden „Boulevards“ angeordnet sind. Auf einem unterirdischen und zwei oberirdischen Stockwerken verteilt kommen Räume verschiedener Grössen zusammen, die durch weite Raumfluchten und mehrere Lichthöfe geprägt sind und ergänzt werden.

Realisierungswettbewerb „Das Museum des 20. Jahrhunderts“. 1. Preis. Präsentationsplan © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin

Realisierungswettbewerb „Das Museum des 20. Jahrhunderts“. 1. Preis. Präsentationsplan
© Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin

Herzog & De Meuron gehören zu den international meist geschätzten Architekten

Die Schweizer Jacques Herzog und Pierre De Meuron aus Basel gehören weltweit zu den angesehensten Architekten der Gegenwart. Ihre Werke zeichnen sich durch eine originelle Formsprache aus, die als einer skulpturalen Architektur verpflichtet bezeichnet werden kann, und einer individuellen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Standort aus. Jedes der bisher erbauten Projekte unterscheidet sich von den anderen. Was die Autorschaft des Duos erkennbar macht, ist, dass es wiederholt mit den konventionellen Grenzen von Statik und Materialität arbeitet. Für das Berliner Projekt sowie bei ihren letzten Werken wie dem Restaurant an der Bergstation auf dem Churfirsten-Gipfel oberhalb des Walensees (Kanton Sankt-Gallen) scheinen sich Herzog & De Meuron auf urtümliche Formen des heimischen Stils zurückzubesinnen. Materialien wie Holz und Backstein stehen dabei im Vordergrund sowie eine tendenzielle Châlet- und Scheunenästhetik.

Gerade in Deutschland konnte ein grosser Prestigebau in diesem Jahr abgeschlossen werden und wird in einigen Monaten feierlich eröffnet: Die Elbphilharmonie in Hamburg. In Deutschland haben sich Herzog & De Meuron damit eindeutig einen Namen gemacht. Deutschland ist auch darüber hinaus ein wichtiger Standort für das über 400 Mitarbeiter zählende Unternehmen, das hier eine eigene Niederlassung führt. Zwei der aussergewöhnlichen Werke befinden sich zum einen in München, die an ein Vogelnest erinnernde Allianz-Arena, und in Cottbus, die einer staufischen oder aragonischen Burg ähnelnde Bibliothek der Brandenburgischen Technischen Universität. Im Bereich des Museumsbaus haben die Schweizer verschiedene Projekte realisiert, in den letzten Jahren vermehrt in den USA. Gerade bezüglich Erweiterungsbauten konnten sie ihre Meisterschaft beweisen, wie es jüngst für das Musée Unterlinden in Colmar der Fall war, und ebenfalls besonders prestigeträchtig ist die Ergänzung der Tate Modern in London. Mit dem Museum in Berlin konsolidieren sie ihren Ruf und ihre Expertise zusätzlich. Dieses Projekt wird grosse Aufmerksamkeit auf sich ziehen und gehört international zu den wenigen aktuellen, prominenten Herausforderungen dieser Art.

Das Museum des 20. Jahrhunderts

Das Museum des 20. Jahrhunderts soll als neues Zuhause für die Sammlungen der Kunst der Moderne der Neuen Nationalgalerie fungieren. Das bedeutet, dass bisher nicht sichtbare Werke bedeutender Künstler von Emil Nolde, Erich Heckel, Otto Dix, Max Beckmann, Max Liebermann über Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee bis hin zur ZERO-Gruppe mit Otto Piene, Günther Uecker, Heinz Mack oder Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Sigmar Polke endlich einen dauerhaften Platz erhalten sollen. Hinzu kommen die Sammlungen Pietzsch, Marzona und Marx, wobei die beiden letzteren zum Teil bereits im Hamburger Bahnhof untergebracht sind. Auch Werke aus der Kunstbibliothek und des Kupferstichkabinetts aus der gleichen Entstehungsepoche sollen hier unterkommen. Doch das Konzept überzeugt nur mässig, denn für diese Fülle der Werke scheint das neue Gebäude schon wieder zu klein zu sein. Wie es sich dann vom Hamburger Bahnhof, das bisher  die Epoche ab 1950 mit prominenten Werkgruppen darstellte, abgrenzen soll, bleibt noch unklar.  An dieser Stelle genauer darauf einzugehen, scheint allerdings verfrüht, da das genaue Konzept bisher nicht vorgelegt wurde.

Realisierungswettbewerb „Das Museum des 20. Jahrhunderts“. 1. Preis. Innenperspektive © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin

Realisierungswettbewerb „Das Museum des 20. Jahrhunderts“. 1. Preis. Innenperspektive
© Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin

Realisierungswettbewerb Museum des 20. Jahrhundert
Ausstellung der 40 Entwürfe im Kulturforum 18.11.2016-8.1.2017
Di, Mi, Fr 10-18 Uhr
Do 10 – 20 Uhr
Sa, So 11-18 Uhr
Eintritt frei

http://www.nationalgalerie20.de/home/

Teresa Vena

© j:mag Tous droits réservés

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