Der Roman Die Vegetarierin von Han Kang: Diese Krankheit namens Vegetarismus

Der Roman Die Vegetarierin der südkoreanischen Autorin Han Kang erschien 2007 und feiert seitdem internationale Erfolge. In Seoul geboren, studierte sie Germanistik auch außerhalb Koreas in Würzburg und München. Die Vegetarierin ist ihr erster Roman, mit dem sie 2016 den Man Booker International Prize gewann. Ebenfalls 2016 erschein im Berliner Aufbau-Verlag eine deutsche Fassung.

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Eine Frau, die aus der Reihe tanzt

Im Zentrum der Geschichte steht eine etwa mittdreissigjährige Frau, die von einem Tag auf den anderen, getrieben von seltsamen, skurrilen Albträumen, sich dazu entschliesst, kein Fleisch mehr zu essen. Damit stösst sie auf allen Seiten auf Unverständnis und wird nach kurzer Zeit für verrückt erklärt.

Der Roman besteht aus drei Kapiteln, die jeweils die Perspektive einer der Protagonisten beschreibt.  So beginnt der Text mit den Beobachtungen von Yang-hyes Ehemanns, der mit der plötzlichen Veränderung seiner Frau völlig überfordert ist. Er war zufrieden damit, dass er eine absolut unscheinbare und unterwürfige Frau geheiratet hatte, wie er es selbst ausdrückt, die als eigene Persönlichkeit zurücktrat – oder nicht existierte – und ihm seine eigene erstrebte Entfaltung ermöglichte. Nun fühlt er sich gezwungen, sich um sie zu kümmern, wozu er allerdings nicht bereit ist. Gemeinsam mit Yang-hyes Eltern und ihrer jüngeren Schwester versucht er also, sie wieder zur Vernunft zu bringen.

Doch alle scheitern in ihren Bestrebungen. Am Ende des ersten Kapitels, wehrt sich Yang-hye, als ihr ihr Vater mit Gewalt Fleisch zum Essen geben will. Impulsiv schneidet sie sich die Pulsadern auf. Im zweiten Teil des Buches sind mehrer Monate nach dem Unfall vergangen. Diesmal kommt Yang-hyes Schwager, der Bruder ihrer Schwester, zu Wort. Über eines seiner Videokunstprojekte versucht er sich an sie anzunähern, fasziniert von dieser rätselhaften Figur. Erneut kommt es zum Eklat und Yang-hye endet in der Psychiatrie. Das dritte und letzte Kapitel macht wiederum einen zeitlichen Sprung nach vorne und stellt Yang-hyes Schwester in den Vordergrund, die sich als einzige noch um sie bemüht.

Vegetarismus als Provokation

Formal geht die Autorin ein Experiment ein, das insgesamt geglückt ist. Die Hauptperson der Geschichte bekommt nie die Gelegenheit, selbst für sich zu sprechen, sich zu erklären. Sie dient eigentlich vielmehr als Anstoss, um das Innenleben der drei anderen Figuren darstellen zu können. Indem ein unerwartetes Ereignis, Yang-hye entscheidet sich ab sofort kein Fleisch mehr zu essen, eintrifft, wird ihr Leben in Frage gestellt. Sie stellen Überlegungen an, über ihre Beziehungen, Wünsche und Träume. Jeder kommt zu anderen Ergebnissen, die ohne Yang-hyes Ausbruch nicht entstanden wären. Genau um diese Individualismus, die traditionellerweise der koreanischen Kultur entgegensteht, geht es offenbar in erster Linie im Roman. Es geht um Selbstbestimmung in Bezug auf Beruf und Karriere, Familie und Lebensentwürfe im Allgemeinen. Das Thema Vegetarismus, das in Korea, in einem Land in dem viel und gerne Fleisch gegessen wird, durchaus als exzentrische, neumodische Spielerei oder gar Perversion angesehen wird, steht hier dafür als Symbol.

Han Kang © Baek Dahum

Han Kang
© Baek Dahum

Kangs Geschichte besitzt über ihren sozialkritischen Wert hinaus auch eindeutig unterhaltende Komponenten. Die Erählung nimmt skurril-fantastische Züge an, die sich nicht völlig erschließen und originell sowie sehr bildhaft erscheinen. Hang lehnt sich an eine frühere Kurzgeschichte, Die Früchte meiner Frau (2000), an, in der eine Frau von einem Tag auf den den anderen ein Leben als Mensch hinter sich lassen will, um schliesslich zur Pflanze zu werden. Diesen Text erzählt die Autorin allein aus der Sicht des Ehemannes, der die Veränderungen misstrauisch und verstimmt beobachtet und vor dem Leser seine Ehe Revue passieren lässt. Die Vegetarierin schafft es, eine ähnliche Intensität zu erzeugen, doch fällt im Gegensatz zum Roman hier erstmals, inbesondere im zweiten Kapitel, eine krude, fast vulgäre Sprache auf. Insgesamt zeichnet sich Hang allerdings durch eine klaren, unpathetischen und lakonischen Sprachstil, der der ostasiatischen Erzähltradition verpflichtet bleibt. Vermutlich erklärt sich der weitläufige Erfolg des Romans unter anderem dadurch, dass die beschriebenen Gefühle realistisch und allgemeingültig wirken. Es fällt dem Leser nicht schwer, sich in der einen oder anderen Figur wiederzufinden. Er bleibt betroffen zurück und hängt unweigerlich eigenen Vorstellungen von Toleranz, Solidarität und Liebe nach.

Han Kang, Die Vegetarierin, 2016, Aufbau-Verlag, übersetzt aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee

Teresa Vena

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