Hommage an Hercules Segers im Rijksmuseum in Amsterdam: Ein rätselhafter Künstler

Das Rijksmuseum in Amsterdam lag während zehn Jahren wegen Umbau- und Renovierungsmassnahmen in einem Dornröschenschlaf, der dem Besucher einen Grossteil, der hier aufbewahrten Kunstwerke vorenthielt. Als eine der ersten umfangreichsten und mit Sicherheit spektakulärsten Ausstellungen seit der Wiederöffnung ist nun seit Oktober 2016 eine Retrospektive zum niederländischen Künstler Hercules Segers zu sehen. Begleitend dazu fand Anfang Dezember 2016 das Symposium Op zoek nar Hercules Segers (Auf der Suche nach Hercules Segers) statt.

Hercules Segers Rijksmuseum.  Photo: Olivier Middendorp

Hercules Segers Rijksmuseum.
Photo: Olivier Middendorp

Die Vorbereitungszeit zur Ausstellung betrug über zehn Jahre und sah eine Gruppe von etwa genauso vielen Wissenschaftlern aus den Niederlanden und den USA vor, die sich gemeinsam unterschiedlichen Aspekten des Lebens und Werks des Künstlers annahmen. Während des Symposiums kamen einige davon zur Sprache. Im Kern Neues allerdings – also Resultate, die über den bisherigen Forschungsstand hinausgehen – wurde nur Einzelnes vorgelegt und muss im begleitenden Katalog nachgelesen werden. Die Teilnehmer erfuhren aber beispielsweise, dass dem Gemäldekorpus Segers’ sechs neue Werke hinzugefügt wurden. Dabei handelt es sich um kleinteilige Landschaftsbilder aus privaten Sammlungen. Doch dazu gleich mehr.

Hercules Segers, View of Wageningen from the Northeast, oil on panel, c. 1628-1630.  National Gallery of Scotland, Edinburgh

Hercules Segers, View of Wageningen from the Northeast, oil on panel, c.
1628-1630.
National Gallery of Scotland, Edinburgh

Ungeklärte Lebensverhältnisse: Beispiel einer Biografie des 17. Jahrhunderts

Die Künstlerpersönlichkeit Hercules Segers übt auf Kunsthistorikern und Künstlern seit dem 17.  Jahrhundert ein besondere Faszination aus. Dazu trägt einerseits der Mangel an gesicherten Quellen und Hinweisen zu seinem biografischen Werdegang bei. Angenommen wird, dass er 1589 oder 1590 in Haarlem geboren wurde und von flämischen Eltern stammte, die aus Glaubensgründen – das katholische Spanien dehnte seine Macht auf das mehrreligiöse Flandern aus – in den Norden, ins sich gerade bildende Niederlande, flüchteten. Abgesehen von Hinweisen auf seinen Lehrmeister (der ebenfalls flämische Landschaftsmaler Gillis van Coninxloo) und auf einzelne Aufenthaltsorte in Amsterdam, Den Haag oder Utrecht, weiss man, dass Segers heiratete (eine wesentlich ältere und vermutlich vermögende Frau, die den Kauf eines Stadthauses ermöglichte) und mindestens einmal Vater (unehelich) wurde. Überliefert sind auch mehrere Schuldscheine, die Spekulationen zu seinen finanziellen Verhältnissen zulassen. Auch sein Tod, Zeitpunkt, Ort und Verlauf, bleiben im Rahmen der Spekulation. Der Kunsttheoretiker und Maler Samuel van Hoogstraten schrieb im 17. Jahrhundert, dass sich Segers, der unter dem unglücklichen Planeten des Saturns geboren sei, aus Verdruss über seinen beruflichen Misserfolg Zuflucht im Alkohol gesucht haben soll und einmal betrunken die Treppe hinunterstürzte und so verendete. Das wäre ein sowohl romantischer als auch ehrenrühriger Tod gewesen.

Eine vollständige Rekonstruktion seines Lebens ist also nicht möglich, was aber nicht sonderlich verwunderlich ist. Man sah im 17. Jahrhundert keinen Grund, Daten über das Leben eines einfachen Bürgers zu sichern. Künstler galten weitgehend als Handwerker, vielfach ungebildet und genossen nur in wenigen Ausnahmefällen höheres Ansehen. Einer davon war beispielsweise Pieter Paul Rubens, der am flämischen und englischen Hof sehr geschätzt und entsprechend entlöhnt wurde, weswegen er einen höheren Sozialstatus erlang. Das galt auch für Rembrandt van Rijn, bis er mit seiner Nachtwacht den Geschmack seiner Auftraggeber brüskierte und fortan zu Lebzeiten in der allgemeinen Achtung sank. Aber zurück zu Segers. Dass über sein äusseres Leben wenig bekannt ist, ist also an sich nicht aussergewöhnlich. Nichtsdestotrotz sollen im Rahmen der jüngsten Forschungen, wie während des Symposiums berichtet wurde, offenbar 30 neue Quellen zu Segers’ Biografie gefunden worden sein, die man allerdings im Katalog nachlesen werden muss.

Euphorie Segers: Die Suche nach den verlorenen Werken

Dieser Mangel an Informationen zu Segers’ Leben zusammen mit dem Bild, das man sich über sein Werk gemacht hat, haben zu einer Mystifizierung seiner Person geführt. Nach seinem Tod bis Ende des 19. Jahrhundert geriet Segers in Vergessenheit. Erst fand man einen bedeutenden Korpus an Radierungen in den fürstlichen Sammlungen in Dresden, die der damalige Direktor Segers’ zuschrieb, doch erst Wilhelm von Bode, späterer Direktor der Gemäldegalerie in Berlin, identifizierte das erste Gemälde. Bis 1950 schwoll dann das Oeuvre sowohl in der Grafik als auch in den Gemälden weiter an, bis es 1953 maximal 30 Gemälde umfasste. Leo Collins, Autodidakt, schrieb damals die bis heute einzige Monografie zum Künstler. Seine Zuschreibungen wurden damals von renommierten Kunsthistorikern wie Eduard Trautscholdt, Jan van Gelder oder Wolfgang Stechow mehr als angezweifelt. Insbesondere in den 1930er Jahren, und hier war Deutschland entscheidender Impulsgeber, löste Wilhelm Fraenger eine regelrechte Euphorie für Segers aus. Der Künstler passte hervorragend in die expressionistische Strömung, die aus ihm ein verkanntes Genie machte und seiner ästhetischen Bildsprache nahestand. Die frenetische Suche nach originalen Werken Segers’ führte Gemälde an den Tag, die im 17. Jahrhundert falsche Signaturen von Künstlern wie Jan van Goyen, Joos de Momper oder Johannes de Vos erhielten und in der Manier derselben manipuliert wurden und in Wahrheit Segers zuzusprechen sind. Dies geschah vermutlich bereits im 17. Jahrhundert, weil die Werke offenbar nicht als marktgängig eingestuft wurden. Gleichzeitig kam es nach einer erneuten Wertschätzung Segers’, Jahrhunderte später, auch zum gegenteiligen Vorgang. Werke anderer Landschaftsmaler wurden manipuliert, um an Segers anzuklingen.

Hercules Segers, Mountain Valley, Oil on Canvas, Uffizi, Florence

Hercules Segers, Mountain Valley, Oil on Canvas, Uffizi, Florence

Ausgehend von vier Gemälden, zwei im Museum Boijmans-van Beuningen in Rotterdam, eins im Rijksmuseum in Amsterdam und eins in der Gemäldegalerie in Berlin, die eine Segers-Signatur tragen, haben nun die Mitarbeiter des Rijksmuseums in Zusammenarbeit mit dem Metropolitan Museum of Art in New York 16 Gemälde festgelegt, die sie eindeutig dem Künstler zusprechen. Dies geschieht aufgrund der Stilkritik. Das heisst, dass andere Gemälde gesucht wurden, die in erster Linie ähnliche Motive und einen ähnlichen Malduktus aufwiesen. Die moderne Technik erlaubte es, in einem zweiten Schritt, Infrarot-Aufnahmen und dendrochronologische Untersuchungen zu machen, die zum einen die verschiedenen Malschichten des jeweiligen Bildes sichtbar machen und zum anderen das Alter der benutzten Materialien bestimmen lassen. Auf diese Weise konnte eine Kontinuität in der zeichnerischen Behandlung der Silhouetten und Flächen festgestellt werden, weswegen die Handschrift Segers’ angenommen wird. Während des Symposiums wurde zudem die Vermutung geäussert, dass Segers viel mehr Gemälde produzierte, als heute bekannt, diese aber verloren oder noch unerkannt seien.

Die Faszination für Segers über die Generationen hinweg: Der „Künstler der Künstler“

Als Ergänzung zu den Gemälden fungieren die über 180 Radierungen des Künstlers. Ihre Besonderheit besteht darin, das Segers zwar mehrere Motive mehrfach gedruckt hat, aber kein Blatt im Endresultat dem mit anderen identisch ist. Dies kam zustande, weil er abwechselnd den Bildträger, Papier oder Leinen, einfärbte, mit farbiger Tinte druckte und den Druck im Nachhinein bemalte. Eine Eigenheit, die kein anderer Künstler der Zeit nachvollzog. Segers’ Radierungen sind dadurch als Unikate anzusehen und widersprechen an sich der Funktion eines Druckes, der in der schnellen und günstigen Vervielfältigung eines Motivs bestand. Am Bestand der Radierungen hat das Forschungsteam nichts verändert, ausser dass einzelne Blätter in einem direkteren Zusammenhang mit einzelnen Bildern gebracht wurden. Im Vergleich zu den Gemälden sehen die Radierungen eine Mehrzahl an Landschaften mit fantastischen Bergszenerien vor, die wohl die eigentliche Faszination für Segers’ Werk ausmachen.

Hercules Segers, Road Skirting a Plateau, a River in the Distance, 1615-1630. Etching printed in black and yellow on blue painted paper. On loan from the City of Amsterdam, 1885

Hercules Segers, Road Skirting a Plateau, a River in the Distance, 1615-1630.
Etching printed in black and yellow on blue painted paper. On loan from the
City of Amsterdam, 1885

Symposium und Ausstellung, die übrigens ab nächsten Februar ins Met wandern soll, in Amsterdam, holen den „Künstler der Künstler“ aus der Versenkung und machen ihn für ein grösseres Publikum erfahrbar. Erkennbar ist, dass noch heute der Bann um Segers nicht gebrochen ist. Seine suggestiven Landschaften, das unterstützt die Inszenierung des Museums noch weiter, haben etwas Zeitloses und dermassen Modernes, dass es verständlich wird, wieso gerade die Expressionisten sich davon inspirieren liessen. Vergleicht man die Motive mit denen bei Max Ernst beispielsweise, werden einem eindeutig Parallelen auffallen.

Begleitend zur Ausstellung im Rijksmuseum erscheint ein zweibändiger Katalog, wobei der Textband bisher noch nicht fertiggedruckt ist. Darin sind die bisher besten Abbildungen der Gemälde enthalten. Es handelt sich um ein Sammlerstück, zu einem eher stolzen Preis von 99 €. Das Symposium richtete sich an ein allgemein interessiertes Publikum, weswegen der Fachbesucher auf den Katalog angewiesen sein wird, um sich über den aktuellen Forschungsstand zu informieren.

Teresa Vena, Amsterdam

Das Symposium Op zoek naar Hercules Segers fand am 2. Dezember im Rijksmuseum in Amsterdam statt in Anwesenheit unter anderem des Kurators für Gemälde Herrn Pieter Roelofs und für Radierungen Huigen Leefland.
Die Ausstellung Hercules Segers ist noch bis zum 8. Januar 2017 im Rijksmuseum in Amsterdam zu sehen.
Mehr Informationen auf der Seite des Rijksmuseums: https://www.rijksmuseum.nl/en/hercules-segers

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Rédacteur en chef j:mag

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